Lesereise im Stöberhaus – Joachim Ringelnatz

24.4.2008, Erfurt, Stöberhaus

Am 24. April 2008 ließ sich die kleinkunstbrigade Anna Kram e.V. wieder einmal in der Bücherecke des Stöberhauses sehen. Michaela Jakob und Sid Eisengurrer haben sich durch das Werk von Joachim Ringelnatz, den „großen, kleinen, bis in den letzten Nervenstrich spinnwebfeinen, unübersetzbaren Mann“ (Peter Rühmkorf, 1999), gelesen. Und was sie dabei entdeckten, haben sie in einem kleinen Programm zum Besten geben. Unterstützt wurden sie dabei mit Musik aus den Zwanzigern von Britt Hedrich auf der klassischen Gitarre.


Eine Stunde etwa brachten sie dem Publikum Kurzweil – ganz im Sinne des Dichters.











Joachim Ringelnatz

7. August 1883Joachim Ringelnatz (Hans Gustav Bötticher) wird in Wurzen geboren.
1901-1905Schiffsjunge, Matrose bei der Marine auf Segel- und Dampf- schiffen
1906-1909kaufmännische Lehre in Hamburg, Hausmeister Lehrein einer Dachpappenfabrik, Angestellter in einem Münchner Reisebüro.
1909"Hausdichter" des Künstlerlokals "Simplicissimus", übernimmt in der Nachbarschaft einen Tabakladen, den er schon nach neun Monaten wieder schließt.
1912-1914Veröffentlichung erster autobiographischer Geschichten, Kindererzählungen und grotesk-komischer Gedichte, darunter "Die Schnupftabaksdose" (1912), "Stumpfsinn in Versen und Bildern von Hans Bötticher und Richard Seewald" (1912), "Ein jeder lebt's. Novellen von Hans Bötticher" (1913).
Seinen Lebensunterhalt verdient er sich unter anderem als Bib- liothekar der Familie York Graf von Wartenburg in Schlesien sowie als Fremdenführer und Schaufensterdekorateur in München.
1914-1918Kriegsdienst bei der Marine.
1918November: Ringelnatz ist der einzige Marineoffizier, der sich in den Tagen vor der Revolution in die Kieler Matrosenversamm- lung wagen darf.
Nach Kriegsende verdingt er sich erneut in unterschiedlichen Branchen, so unter anderem in einer Gartenbauschule und als Archivar im Berliner Scherl-Verlag.
1919Nennt sich fortan Joachim Ringelnatz
1920Veröffentlichung der Balladen vom "Seemann Kutteldaddeldu" und der "Turngedichte". Engagement an der Berliner Kleinkunstbühne "Schall und Rauch".
1920-1933Tourneen durch die Kabaretts in ganz Deutschland auf denen er eigene Gedichte vorträgt.
1922Veröffentlichung der Prosa "Die Woge".
1928Veröffentlichung der Anthologie "Matrosen" und des Buches "Als Mariner im Kriege" in der seine Erlebnisse als Seemann im Ersten Weltkrieg geschildert werden.
1931Veröffentlichung der Erinnerungen "Mein Leben bis zum Krieg".
1932Uraufführung der Seemannsballade "Die Flasche" im Leipziger Schauspielhaus.
1933Ringelnatz erhält von den Nationalsozialisten Auftrittsverbot.
1934Joachim Ringelnatz stirbt in Berlin an Tuberkulose.

Joachim Ringelnatz, ca. 1930.
Bildquelle: hdg.de



Das Hexenkind
Joachim Ringelnatz


Das junge Ding hieß Ilse Watt.
Sie ward im Waisenhaus erzogen.
Dort galt sie als verstockt, verlogen,
Weil sie kein Wort gesprochen hat,
Und weil man es ihr sehr verdachte,
Daß sie schon früh, wenn sie erwachte,
Ganz leise vor sich hin lachte.


Man nannte sie, weil ihr Betragen
So seltsam war, das Hexenkind.
Allüberall ward sie gescholten.
Doch wagt' es niemand, sie zu schlagen,
Denn sie war von Geburt her blind.


Die Ilse hat für frech gegolten,
Weil sie, wenn man zu Bett sie brachte,
Noch leise vor sich hin lachte.


In ihrem Bettchen blaß und matt
Lag sterbend eines Tags die kranke
Und stille, blinde Ilse Watt,
Lächelte wie aus andern Welten
Und sprach zu einer Angestellten,
Die ihr das Haar gestreichelt hat,
Ganz laut und glücklich noch: "Ich danke."